Zwischen Lord Shiva und dem Kreislauf des Lebens
Ich bin nun seit 12. September hier in Pokhara. Der Charme Nepals ist hier anders als in Kathmandu. Ich bin für 8 Nächte in einem extrem schönen Hotel, das keine Wünsche offen lässt – ich fühle mich natürlich sehr wohl hier, aber irgendwie ist es auch befremdlich. Zwischen dem Rückzugsort, in dem ich hier ankommen darf, und dem, was ich draußen in den letzten Tagen gesehen habe. Die Armut, die einem in Nepal immer wieder begegnet, lässt sich nicht wegschieben, und ehrlich gesagt fällt es mir nicht so leicht, beides nebeneinander zu erleben.
Gestern war ich auf einer Tour (mit einem super klapprigen Bus) rund um Pokhara, unter anderem bei der riesigen Shiva-Statue in Pumdikot und oben bei der World Peace Stupa. Beeindruckende Orte. Mein Guide hat leider kaum etwas erzählt, und wenn, dann nur ein paar Worte. Die eigentlichen Geschichten und Bedeutungen habe ich mir hinterher zusammengegoogelt. Und ist wow, wow, wow…
Besonders Lord Shiva gefällt mir irgendwie. Im Hinduismus gilt er als der Gott der Zerstörung, der zerstört, damit Neues entstehen kann => Zerstörung nicht als Ende, sondern als Anfang. Dieser Gedanke geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht, weil er so gar nicht in unser westliches Denken passt, in dem Vergehen fast immer negativ besetzt ist. Shiva gehört zur sogenannten Trimurti – den drei höchsten Göttern des Hinduismus: Shiva – der Zerstörer und Verwandler, Brahma – der Schöpfer, Vishnu – der Bewahrer.
Diese drei stehen für den ewigen Kreislauf des Daseins: erschaffen, erhalten, auflösen und wieder von vorn.
Ganz anders, und auch so beeindruckend, war die World Peace Stupa hoch über der Stadt. Eine Stupa ist ein buddhistisches Reliquienheiligtum, ein Ort der Verehrung und der Stille. Rund um das strahlend weiße Bauwerk erzählen vier goldene Reliefs die vier großen Stationen im Leben Buddhas: seine Geburt in Lumbini, seine Erleuchtung in Bodh Gaya, seine erste Lehre in Sarnath und sein Loslassen, sein Tod, in Kusinara. Ein ganzes Leben in vier Bildern – Ankommen, Erwachen, Weitergeben, Loslassen. Wie ich so davorstand, kam mir das fast wie eine Anleitung fürs eigene Leben vor 🤭.
Heute durfte ich an einer Tour zu einem Kloster teilnehmen und es hat mich auch sehr beeindruckt, vor allem die Puja, das Nachmittagsgebet (da war fotografieren verboten) mit so vielen kleinen, echt süßen Mönchen 🤭.
Beim ersten Stopp, der eher eine Klosterschule war, konnte ich mit einem der Mönche sprechen und ihm Fragen stellen. Ich habe ihn gefragt, warum er sich für dieses Leben entschieden hat und seit wann er hier ist. Er erzählte mir, dass er mit elf Jahren hergekommen ist, damals hatten seine Eltern diese Entscheidung für ihn getroffen. Heute mag er das Leben als Mönch sehr und möchte es nicht mehr anders haben. Auf meine Frage, was am Anfang das Schwierigste für ihn war, antwortete er: das Heimweh.
Und als ich ihn fragte, was er der westlichen Welt mitgeben würde, wenn er könnte, sagte er das: mehr Zeit mit sich selbst verbringen. Da war für mich alles gesagt.
